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Lexikon > Verhaltensauffälligkeit


Der Begriff Verhaltensauffälligkeit bzw. eine Verhaltensstörung ist ein Begriff, der aus dem angelsächsisches Sprachäquivalent conduct disorder entstanden ist und bezeichnet unspezifische Abweichungen im Sozialverhalten. Manchmal wird der Begriff auch synonym zu der Störung des Sozialverhaltens verwendet. 1
Der Begriff wird von Hans-Christoph Steinhausen als unscharfe Sammelbezeichnung kritisiert, die an sich noch keine psychiatrische Diagnose darstelle. 1
In neuerer Zeit wird vermehrt der weniger stigmatisierende Begriff Problemverhalten oder herausforderndes Verhalten zur Beschreibung verwendet. Die Begriffe spielen insbesondere in der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und der Heilpädagogik eine wichtige Rolle, da von Verhaltensauffälligkeiten/Problemverhalten ein erheblicher Leidensdruck und Störungen in (Lern-)Gruppenprozessen ausgehen kann.
Die Definition von problematischen Verhalten fällt schwer, da es fließende Übergänge zum Normbereich von Verhalten gibt. Leitner (S.15/2007) schlägt vor:
„Problemverhalten lässt sich als Verhalten beschreiben:
  • das auf den sich verhaltenden Menschen selbst und/oder seine Umwelt und Mitwelt über einen längeren Zeitraum belastend und verunsichernd wirkt
  • das in der Auswahl und Intensität nicht der Situation angepasst erscheint
  • das Entwicklungsmöglichkeiten behindert, anstatt sie zu fördern“

Insbesondere in der Heilpädagogik (Leitner 2007) werden mögliche Gründe für Problemverhalten in sogenannten „Kontexten“ zusammengefasst:
  • Kontext des Begleiters – mögliche Anteile des/r Begleiters/in
  • Individueller Kontext – geschichtlichen und gegenwärtigen Lebensbedingungen
  • Sozialer Kontext – zwischenmenschlicher Bereich
  • Sachlicher Kontext – Umgang mit Dingen und Sachen
  • Gesellschaftlicher Kontext – gesellschaftliche Anteil
  • Unbekannter Kontext – Begrenztheit des Verständnisses für Gründe von Problemverhalten

Aus den Kontexten lassen sich Handlungsmöglichkeiten für den Umgang mit Menschen mit Problemverhalten ableiten.
Eine andere Systematik benennt folgende in Frage kommenden Ursachen:
  • normale, vorübergehende Entwicklungsphasen (Trotzreaktionen)
  • Hirnorganische Störungen
  • Traumatische Erlebnisse (Missbrauch, Misshandlung, Verlust)
  • fehlerhafte Erziehung
  • soziale Verwahrlosung

Neben dem ursachenorientierten- spielt auch ein „ressourcenorientiertes“ Verständnis (Leitner 2007) eine zunehmend wichtige Rolle. In ihm werden Menschen mit Problemverhalten nicht nur von ihrem schwierigen Verhalten her betrachtet, sondern auch die individuellen Fähigkeiten (Ressourcen) gesucht und für das Verständnis und den Umgang genutzt.
Schließlich lassen sich für den Umgang mit Menschen mit Problemverhalten so genannte „Deeskalationsstrategien“ (Leitner 2007) zusammentragen, die in einer Akutsituation hilfreich sein können.
Eine Diagnose kann nur durch Psychologen bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychiater, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten getroffen werden. Insgesamt ist zur Abklärung die klinisch-psychologische Diagnostik state of the art und sollte alle relevanten Entwicklungsbereiche und Wahrnehmungs(verarbeitungs)funktionen in umfassender Weise miteinbeziehen. Manchmal muss auch ein Neurologe zu Rate gezogen werden.

Literatur


  • Berger, Nicole/ Schneider, Wolfgang: Verhaltensstörungen und Lernschwierigkeiten in der Schule: Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Stuttgart: UTB 2011
  • Bröcher, Joachim: Didaktische Variationen bei Schulverweigerung und Verhaltensproblemen. Band 1: Beziehungsaufnahmen. Band 2: Lebenswelterkundungen. Band 3: Veränderungsprozesse. Verlag BoD, Norderstedt 2006
  • Bröcher, Joachim: Lebenswelt und Didaktik. Unterricht mit verhaltensauffälligen Jugendlichen auf der Basis ihrer (alltags-)ästhetischen Produktionen. Universitätsverlag Winter Heidelberg 1997
  • Bröcher, Joachim: Unterrichten aus Leidenschaft. Eine Anleitung zum Umgang mit Lernblockaden, widerständigem Verhalten und institutionellen Strukturen. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2001
  • Fischer, Erhard: Verhaltensauffälligkeiten als Ausdruck subjektiven Erlebens und Befindens. Aspekte des Verstehens und Helfens. In: Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 47, H. 2 1996, S. 59–67
  • Fischer, Erhard: Wahrnehmen – Sinn stiften – Handeln – Verstehen: ‚Herausforderndes‘ Verhalten bei Menschen mit (schweren) Behinderungen. In: Kannewischer, Sybille; Wagner, Michael; Winkler, Christoph; Dworschak, Wolfgang (Hg.): Verhalten als subjektiv-sinnhafte Ausdrucksform. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2004, S. 127–145
  • Grimm, Hannelore: Störungen der Sprachentwicklung, Göttingen, Hogrefe Verlag, 1999
  • Herzfeld, Helga D.: Diagnose von Verhaltensauffälligkeiten im Vorschulalter (1996)
  • Majer, Sandra: Verhaltensauffälligkeiten und Konzentrationsstörungen im Grundschulalter. Subjektive Theorien von Lehrkräften. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2008
  • Myschker, Norbert: Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Kohlhammer, 3. Auflage (1999)
  • Neuhaus, Cora/ Schmid, Corona: Nur eine Phase? Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern (2001)
  • Utz, Klaus: Kindergarten heute spezial – Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern (2000)
  • Bernd Ahrbeck/Marc Willmann (Hrsg.), Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Ein Handbuch. 1. Auflage. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-020424-9

Siehe auch


  • Störung des Sozialverhaltens

Einzelnachweise



[1] H-C. Steinhausen (2006): Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Elsevier, München
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensauff%C3%A4lligkeit

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